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Erster Weltwärtsbericht Benjamin

November 2018

Sehr geehrte Damen und Herren,


eine Aktivität jagt die nächste. Nicht nur ihr Leben in Deutschland ist stressig, entgegen aller Vorurteile über die „slow-slow“ Lebenseinstellung der Tansania habe nicht nur ich, sondern auch viele andere in diesem Land ordentlich Stress.
Während meiner Vollzeitarbeitstelle möchte ich mich - genauso wie bisher in Deutschland - entspannen, lesen, Filme ansehen, aber auch Orte und Freunde besuchen, in der Freizeit etwas unternehmen und Sport treiben. Natürlich geht das nicht alles gleichzeitig und ich muss lernen, Abstriche zu machen.


Wenn aber zu diesen Vorhaben noch weniger freiwillige Aktivitäten und Arbeiten hinzukommen, dann werde ich gestresst. So zum Beispiel die letzten drei Wochen: Unser erstes Visum für 90 Tage war fast zu Ende, doch bezüglich unserer Bleibeerlaubnis hat sich bis dato noch nichts geklärt. Ich sage unser, denn ich meine meinen Mitfreiwilligen Thomas und mich. Derartige Angelegenheiten bearbeiten wir immer gemeinsam und ich bin sehr froh, dass er mir dabei hilft.


Wir konnten eine Visumsverlängerung für weitere 30 Tage erreichen und waren zum wiederholten Male bei der Einwanderungsbehörde vorstellig. Jedes Mal werden wir mit anderen Informationen gefüttert und bekommen wieder andere Aufgaben aufgetragen. Zum Glück haben wir aber Unterstützung von unseren Chefs, und Vermieterin.
Die Kommunikation ist sehr schwierig, weil verschiedene Parteien auch verschiedene Aussagen treffen und sich nur bedingt absprechen. Es wirkt zeitweilig so, als gäbe es niemand, der eigentlich weiß, wie das Gesetz ist und was nötig ist, um den Vorgaben nachzukommen. Das ist nicht nur in Thomas’ und meinem Fall so, auch andere Freiwillige leiden unter ähnlichem.


Während des ständigen Mailschreibens, Herumtelefonierens gibt es aber immer noch meine Feuerwehr- und Englischschüler*innen. Dieser Spagat ist für mich während der letzten Zeit sehr anstrengend gewesen, wobei noch hinzukommt, dass das Leben hier für mich generell anstrengend ist, weil ich mich immer noch in der Orientierungsphase befinde und die Sprache noch lerne. Daher auch der verspätet abgesendete Weltwärts-Bericht. Ich bitte um Verzeihung und gelobe Besserung.


Doch nun zur Bilanz des ersten Vierteljahres. Wie bei vermutlich allen Weltwärtsfreiwilligen in Tansania war meine erste Zeit aufgrund der nahezu pausenlosen Reizüberflutung sehr anstrengend. An dieser Stelle möchte ich meiner Entsendorganisation (EO) „Kawaida – Sozialer Dienst in Afrika e.V.“ danken, dafür dass sie einen sehr angenehmen Anfang für uns organisiert haben. Wir wurden bei Thomas’ Vermietern gut aufgenommen und die zwei jungen Männer Junior und Erick, die sich unserer annehmen sollten, haben ihren Job sehr gut gemacht. Sie sind jetzt zwei gute Freunde von uns, die ich leider viel zu selten sehe, weil ich woanders wohne.
So anstrengend, die „Akklimatisierung“ war, so aufregend empfand ich sie auch. Was mich auch rückblickend motiviert, ist, dass ich merke, wie viel ich schon kann, verglichen mit den ersten Tagen, in denen ich mich wie ein Säugling gefühlt habe, der außerhalb seines Zimmers (für mich außerhalb des Hauses) komplett auf die Hilfe anderer angewiesen ist. So hoffe ich auch, dass ich noch mehr hinzulernen werde.


Wesentlich für den Weltwärts-Freiwilligendienst ist auf der einen Seite das Kennenlernen der jeweilig anderen Kultur, was auch in der Freizeit geschieht. Auf der anderen Seite ist es die Tätigkeit auf der Einsatzstelle.
Das Berufsschulinternat für ehemalige Straßenkinder und Waisenkinder wird von einem geistlichen Tansanier, Rev. Dr. Dyfrig Maliti CSSp, geleitet, der die Philosophie der „Spiritans“, seiner Mission, wirklich lebt.
Mit dem Dogodogo Multipurpose Training Center, das er metaphorisch wie buchstäblich wieder aus dem Dreck ausgegraben hat, ermöglicht er aktuell knapp 30 jungen Frauen und Männern ein leben in Würde und eine berufliche Perspektive.


Zweifellos bin ich sehr glücklich, dort zu sein und gleichzeitig motiviert, meinen Teil beizutragen, dass die Schüler*innen für deren Zeit nach dem Dogodogo Centre gewappnet sind.
Dies versuche ich mit Englischunterricht, aber vor allem mit Feuerwehrunterricht und dem damit verbundenen Allgemeinwissen und Sicherheitsbewusstsein zu erreichen. Der Unterricht ist für mich meistens anstrengend, schwierig und ab und zu auch demotivierend.


Genauso ist er aber immer wieder motivierend, wenn ich merke, wie eine Botschaft zumindest bei manchen ankommt, wie sich die Schüler*innen über die Abwechslung im harten Internatsalltag freuen, obwohl Nachmittagsunterricht in sengender Hitze mit dicker, langer Feuerwehrausrüstung eher weniger verlockend klingt.
Als frischer Schulabgänger habe ich zwar eine noch überschaubare Erfahrung im Unterrichten von jungen erwachsenen Schülern, doch aus mehreren Gründen, finde ich, dass es mir ganz gut gelingt. Erstens habe ich genug Zeit, meine Unterrichtsstunden gut vorzubereiten. Zweitens steht mir viel Material zur Verfügung. Drittens habe ich von Julia und Judith, zwei Lehrerinnen aus Deutschland, die meine Arbeitsstelle schon mehrmals besucht haben, viele Tipps und tatkräftige Unterstützung beim Vorbereiten bekommen. Und viertens sorgt, der enorme Wissensunterschied zwischen meinen Schülern und mir für genug Distanz und verschafft mir genug Autorität während der Unterrichtszeit.


Für den Feuerwehrunterricht gilt ähnliches. Die Zeit um die Übungen vorzubereiten reicht bei Weitem aus, mir steht genug Material zu Verfügung und mein Suaheli reicht längst für Ansagen und Befehle.
Soweit, so gut. Trotz alledem vergessen meine Schüler*innen sehr viel sehr schnell. Zum einen, fällt es einigen sichtlich schwer, sich Namen, Bewegungsabläufe und Strukturen einzuprägen. Zum anderen Unterrichte ich immer nach dem Mittagessen von 14.00 Uhr bis 16.30 Uhr. Ihr Schultag beginnt aber nicht um 8.00 Uhr, oder gar um 9.00 Uhr, wie einige Wissenschaftler es in Europa fordern, sondern und 6.30 Uhr. Selbstverständlich sind sie dann nachmittags schon sehr müde und können sich nur schwerlich auf englische Grammatik konzentrieren.
Als Verantwortlicher für die Feuerwache und die Feuerwehrübungen werde ich nicht durch Vorgesetzte oder Kollegen in meinen Ideen eingeschränkt. Lediglich Geld und Sicherheitsbedenken des Internatsleiters gebieten mir Einhalt. Der direkte Sprung von reproduzierendem Schüler und als Nebenjobber in der untersten Stufe der Hierarchie Angestelltem zum eigenen Herr über die Arbeit ist eine motivierende Herausforderung.
Immer noch muss ich mich daran gewöhnen, doch es motiviert mich ebenso, meine Möglichkeiten zu nutzen und im Rahmen dieser, die bestmögliche Ausbildung anzubieten.
Da ich auch auf dem Internat wohne, fast alle Mahlzeiten zusammen mit meinen Schüler*innen einnehme und auch mit ihnen z.B. Fußball spiele, begegne ich ihnen meistens nicht wie ein Lehrer. Auch deswegen ist es dann im Gegenzug umso schwieriger für mich, dann, wenn es nötig ist, wie ein typischer Lehrer wahrgenommen zu werden. Strafen, die ich vertreten kann und gleichzeitig für sinnvoll befinde, müssen mir noch einfallen.


Nichtsdestotrotz ist es insgesamt eher einfach für mich. Man muss auch wissen, dass ich kaum merklich älter bin als meine Schüler. Als 19-jähriger andere 19-jährige zu unterrichten und eine klare hierarchische Distanz aufzubauen fühlt sich ungewohnt an.
Generell betrachtet, empfinde ich den Umgang mit den Schülern als ungezwungen, ich fühle mich gewürdigt und respektiert in meiner Tätigkeit.
Die Sprachbarriere, die vermutlich nie verschwinden wird, nehme ich lähmend war. Ich fühle mich wie eingesperrt in einer kleinen Kiste aus der ich nicht herauskomme, weil ich mich nicht entsprechend artikulieren kann. Es ist für mich nicht möglich, eine Diskussion oder ein intensives Gespräch zu führen, weil meine Suahelikenntnisse beschränkt sind. Zum Glück wird das nicht schlimmer, sondern besser, weswegen ich unter anderem optimistisch in die nächste Zeit blicke. Zudem komme ich im Alltag schon klar mit der Sprache, doch in Diskussionen werde ich wahrscheinlich auch bis auf Weiteres der Sprache unterliegen.
Ja, ich vermute, dass die nächsten 9 Monate zu den besten meines Lebens werden können, wenn es so weitergeht wie bisher. Dafür möchte ich allen Beteiligten danken, v. a. meiner EO und Weltwärts, Engagement Global. In Bezug auf meine Einsatzstelle und meine Arbeit kann ich den zahlreichen Weltwärtskritiker*innen lediglich Unwissenheit attestieren, denn hier im Dogodogo Centre handelt es sich meiner Auffassung nach wirklich um eine entwicklungspolitisch sinnvolle Art und Weise des beidseitigen Nutzens. Ich lerne viel und zuvor Abgehängte, von der Gesellschaft, Regierung, ihren Familien und dem Schicksal fallen Gelassene bekommen nicht nur die Chance auf ein neues Leben in Würde, sie bekommen auch die Chance, zu Vorreitern in Bezug auf Sicherheitsbewusstsein und Teamarbeit zu werden.


Dennoch gewinne ich im Austausch mit anderen Weltwärtsfreiwilligen von anderen Entsendeorganisationen den Eindruck, dass Kritik am Programm nicht gänzlich unberechtigt ist. So sehr ich mit der Idee von Weltwärts sympathisiere, so sehr muss ich eingestehen, dass beispielsweise Leander Baruda doch nicht ganz Unrecht hat. Dennoch finde ich, dass er in seinem Artikel „Wer entwickelt hier wen?“ in Der Freitag übertreibt und die positiven Attribute komplett weglässt. https://www.freitag.de/autoren/lfb/wer-entwickelt-hier-wen Am Anfang meines Aufenthalts, als ich den Artikel zum ersten Mal las, konnte ich es nicht wahrhaben, doch nun merke ich wie wenig entwicklungspolitisch viele Tätigkeiten von so manchen Freiwilligen sind oder frage mich ob sie es überhaupt sind. Grundschulkinder in die Schule zu bringen und sie wieder abzuholen und dann beim Mittagessen dabei zu sein, ist gut und hilfreich. Ob es unter den Begriff der Entwicklungshilfe einzuordnen ist, dessen bin ich mir nicht sicher.


Meine Vorbereitungsseminare bei Kawaida e.V. und VolNet e.V. waren sehr gut und haben mich gut vorbereitet. Sie haben mir und den anderen Teilnehmern u. a. die Brisanz von Entwicklungspolitik und Bewusstsein für unsere Außenwahrnehmung in Afrika nähergebracht. Außerdem konnten sie uns vermitteln, wie wichtig und angenehm es ist, Unterschiede zu akzeptieren und sich damit abzufinden.
Bei so manchen anderen Freiwilligen, die auch in der Gegend von Daressalaam sind, habe ich allerdings das Gefühl, dass entweder die Individuen unempfänglich sind für die Botschaften der Seminare oder, dass die Botschaften nicht so wirklich entsendet wurden.
Kawaida e.V. hat Thomas und mich sehr gewissenhaft dabei unterstützt, Suaheli zu lernen – schon weit vor der Ausreise sowie nach der Ankunft. Andere EO scheinen nicht zu viel zu Unternehmen, ihre Freiwilligen auch sprachlich vorzubereiten, denn Thomas und ich haben bei gemeinsamen Unternehmungen bisher immer als Übersetzer gedient.
Wenn die die Suahelikenntnisse vernachlässigt werden, dann leiden die Freiwilligen selbst und auch die Qualität der Freiwilligenarbeit.
Mich interessiert hierzu die Meinung von Weltwärts bezüglich meiner vorsichtig geäußerten, kritischen Beobachtungen. Ebenso würde ich von Weltwärts gerne wissen, ob es so etwas wie eine Richtlinie, Empfehlungen bezüglich der Rechtslage der Aufenthalte, des Aufenthaltsstatus oder des Aufenthaltserlaubnisse von Freiwilligen gibt. Gibt es eine Zusammenarbeit mit der deutschen Botschaft vor Ort? Gibt es Experten, die sich mit diesem Thema auskennen?
So etwas könnte eventuell helfen, vermute ich. Vielleicht ist es möglich für die Deutschen passende Präzedenzfälle zu erreichen, an denen sich in Zukunft orientiert werden kann. Doch wie es anscheinend mehrere EO handhaben, nämlich, dass sie ihre Freiwilligen eigentlich illegal, unerlaubt arbeiten lassen und, dass es oft nicht rechtzeitig klappt, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, das halte ich längerfristig nicht für optimal.
In diesem Sinne wünsche ich mir, im nächsten Bericht in nunmehr weniger als drei Monaten, wieder einmal so viel Positives berichten kann und hoffentlich längst einen legalen, offiziellen Aufenthaltsstatus, mein eigen nennen kann.