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Zweiter Weltwärts-Bericht von Leonie

Vom 02.02.2014

Kaum zu glauben! Vor einem halben Jahr kam ich eines Nachmittags in Ubungo an, dem Stadtteil von Dar Es Salaam, der von da an unser Zuhause werden sollte. Ich fühlte mich wahnsinnig fremd und unsicher. Nur schwer konnte ich mir vorstellen wie mein Leben hier aussehen würde, wie mein Alltag sich zeigen sollte, mit welchen Menschen ich Zeit verbringen würde und wie es sein würde, die damals noch sehr fremde Wohnung als eigenes Zuhause zu fühlen, ganz für meinen Mitbewohner Cornelius und mich zu haben.

Während ich damals versuchte möglichst alles aufzusaugen was meine Vorgänger mir vorlebten und dies auch nicht im geringsten in Frage stellte, bin ich heute sehr zufrieden zu spüren, meinen eigenen Weg, meine eigene Art zu leben, meine eigenen Gewohnheiten entwickelt zu haben und gemeinsam mit Cornelius, der Wohnung unsere Identität zu geben, die sie zusammen mit vielen anderen Aspekten, zu einem tollen Zuhause macht.

Immer mehr habe ich das Gefühl, dass sich die Wohnung an uns gewöhnt hat und wir uns an sie!

Damals konnte es mir gar nicht schnell genug gehen mich einzuleben und heute merke ich wie gern ich die Zeit langsamer vergehen lassen würde und dass es mir schon fast ein unangenehmes Gefühl macht, diesen Bericht zu schreiben, weil er ja schließlich der Beweis dafür ist, dass sehr bald schon die Hälfte meiner Zeit hier in Tansania um ist.

Jetzt denke ich oft mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen an mich selbst, damals in der Anfangszeit. So viel hat sich an meiner Sicht der Dinge, dem Heimats Gefühl, dem Vertrauen den Menschen gegenüber geändert und entwickelt.

An vieles, wie zum Beispiel den rauchigen Geruch nach gebratenem Fisch, der durch die Häuser wabert oder das sich gegenseitige, unermüdliche Grüßen zu allen Tageszeiten, gewöhnt man sich schlicht und einfach. Am Anfang verunsicherte es mich noch, dass mich jeder grüßte, heute freue ich mich darüber, vor allem wenn ich gerade mal nicht so gut drauf bin und mich dann einer der Nachbarn nett grüßt merke ich wie viel Wirkung das haben kann, wenn dein Gegenüber dir zeigt, dass es dich wahrnimmt und freundlich zu dir ist. Ich bin mir sicher das ich dies in Deutschland fürchterlich vermissen werde.

Am Anfang brannte mir der Geruch des Fischs beinahe unangenehm in der Nase und heute ist er eine Art Nachhause-komm-Geruch.

Die täglichen Fahrten mit dem Dala (Kleinbus) sind fast eine Art Zeit zum entspannen geworden weil man sobald man eingestiegen ist eh nicht mehr beeinflussen kann wann man ankommt und ich für mich die Methode der Tansanier – ruhig bleiben- und nicht versuchen die Zeit beeinflussen zu wollen, übernommen habe und ich damit automatisch Zeit finde um Stress von mir weg zu schieben und eine gewisse Zeit nichts zu tun außer es den anderen Menschen gleich zu tun und zu warten.

Die Sprache der Menschen annähernd zu können und damit eine ganz andere Art an Verständnis zu entwickeln, Situationen aus einer neuen Perspektive zu sehen und für das was man jeden Tag sieht, hört und erfährt, ganz neues zu empfinden, gefällt mir sehr.

Seit meinem letzten weltwärts Bericht nach dem ersten Quatal, hat sich dadurch sicherlich ein großes Stück verändert, wie ich die Menschen und das tägliche Leben hier sehe.

Das positive Feedback und für mich oft übertriebene Lob dafür, dass ich Kiswahili „kann“, ist in letzter Zeit zunehmend gestiegen und ich versuche mich in dieser Sache wie auch beim tanzen (was ich nach wie vor als großes Hobby mit viel Seele dabei betreibe) daran zu gewöhnen, Lob einfach anzunehmen und mich dafür zu bedanken, weil ich von meinen Freunden gestern erst wieder gerügt und kopfschüttelnd betrachtet wurde, dies sei hier eben so!

Die Kontakte die ich zu meinen Mitmenschen knüpfe vertiefen sich zunehmend und ich merke, dass ich mich vor allem den Menschen, die schon länger in meiner Umgebung sind immer besser öffnen kann und auch durch viel nachfragen und sich Zeit nehmen mehr über sie erfahre.

Durch mein Hobby das Tanzen, bin ich nach wie vor viel in unterschiedlichsten Teilen der Stadt unterwegs und stelle hin und wieder stolz fest, dass ich in Gesprächen zwischen Tansaniern oft bescheid weiß von welchen Orten sie sprechen.

Tanzen ist für mich mehr denn je das Wundermittel gegen alle Lasten, die man aus dem Alltag mit sich nimmt geworden und ich habe im Kreise meiner Mittänzer tolle Freunde gefunden.

Was nicht zu kurz kommen soll ist meine Arbeit im KCC (Kinondoni Comunication Daycare Centre), dem Kindergarten in dem ich hier arbeite.

Seit diesem Jahr haben wir nun tatsächlich auch eine Nachmittagsbetreuung, womit meine Arbeitszeiten länger geworden sind, ich damit aber auch die Chance bekomme manche Kinder noch besser kennen zu lernen, was in der großen Gruppe von bis zu 60 Kindern eher zu kurz kommt. Nachmittags soll ich in Zukunft die größeren Kinder (5-6 Jahre alt) in Englisch unterrichten und bin gespannt wie es laufen wird, da ich ja noch nicht wirklich viel Erfahrung im unterrichten habe und im letzten halben Jahr KCC meist für die kleineren Kinder zuständig war.

Ich habe das Gefühl, dass nach diesem ersten halben Jahr der Eingewöhnungszeit, jetzt die aktivere Zeit beginnt und ich wünsche mir auch dass es so sein wird damit ich mich noch besser einbringen kann und auch persönliche und seien es kleine Erfolge sehe, die mich motivieren.

Ich habe für die nächsten Wochen einiges an kleineren und einem größeren Projekt geplant und hoffe mit dem Elan, den ich seit dieser Woche wieder ganz stark habe, der aber in der letzten Zeit durch persönliche Probleme mit meiner Chefin auf der Strecke blieb, auch einiges erreichen zu können und mit ihr nochmal neu anfangen zu können.

Ich glaube aber wir sind auf einem guten Weg und ich sehe ganz positiv in die Zukunft.

Was sich im täglichen Leben hier nicht verändert hat und sich auch nicht mehr verändern wird ist, dass man nach wie vor Leute trifft, die einen erst mal nur als „Mzungu“ (Weiße) sehen und versuchen daraus ihren Profit zu ziehen. Auch wenn man sich das nicht so vorstellen muss als würde ich damit dauernd und pausenlos konfrontiert werden, es ist doch schon immer wieder deprimierend wenn man merkt, dass sich die eigene Sichtweise auf alles ändert, man selbst aber nicht unbedingt anders wahrgenommen wird, zumindest eben von den meisten nicht.

Oft ändert sich das zwar in Gesprächen und man kann durch seine Kiswahili Kenntnisse und die örtliche Orientierung auch gut Eindruck schinden aber manchmal bin ich auch müde immer wieder zu erklären, dass ich jetzt schon seit einem halben Jahr hier wohne und deshalb auch die einheimischen Preise zahlen möchte oder gerne auf Kiswahili angesprochen werden möchte.

Das hängt bei mir immer sehr stark von meiner Tagesverfassung ab ob mich das frustriert oder ich stolz antworten und mich erklären kann.

Dies ist eben ein Aspekt des Aufenthalts hier der immer eine Herausforderung bleiben wird und was mir durch diese, für mich neue Erfahrung, bewusst wird ist, dass jeder Mensch der irgendwo hin immigriert und augenscheinlich anders aussieht als alle anderen, sich sicherlich auch so fühlen muss und dann fühle ich mich nicht mehr alleine sondern um eine wichtige Erkenntnis bereichert.

Überhaupt habe ich momentan das Gefühl unglaublich viel für meine Sichtweise auf die Welt und ihre Menschen mitzunehmen und meine Gedankengänge richtiggehend zu erweitern.

Ich hoffe es geht immer so weiter, auf das die nächsten sieben Monate mich weiterhin so wichtige Dinge sehen und verstehen lehren und ich sie nutzen kann um mich selbst noch mehr zu finden.

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